„Alt zu werden ist kein Vergnügen, aber ein Geschenk.“
Alt zu werden bedeutet auch, mit seinen Grenzen umgehen zu lernen. Heute, am 09.11.2025 werde ich 63 Jahre alt. So
etwas zu schreiben und zu lesen, fühlt sich merkwürdig an. Denn so alt wie diese Zahl fühle ich mich gar nicht. Naja, mental zumindest nicht. Aber mein Körper sagt mir da etwas ganz
anderes. Mit Anfang vierzig wurde bei mir Skoliose diagnostiziert, was meine ständigen Schmerzen in Schultern, Hüften und Lendenwirbelbereich wohl erklärte. Trotzdem hatte ich zu der Zeit noch
sehr viel Power. Bin zig mal umgezogen, hab geschleppt und renoviert. Und abends bin ich durchs Zollhaus in Leer zu Rockmusik über die Tanzfläche getobt. Meine Lieblingsbands waren von jeher
AC/DC, Pink Floyd, Genesis und so weiter. Ja, meine vierziger Jahre waren wirklich eine schöne Zeit. Ich arbeitete nebenbei für die Presse, was mir unglaublich Spaß gemacht hat. Und mit fünfzig
wurde ich über diesen Nebenjob sogar noch zur Krimiautorin, damit hätte ich nicht gerechnet. Und auch da habe ich alles gegeben. Habe geschrieben … geschrieben … und geschrieben. War viel auf
Lesungen unterwegs, die ich selber organisierte. Mein Leben war nicht langweilig, das war es eigentlich nie.
Dann kam die Sechzig. Das hat so richtig reingehauen. Das Gefühl, jetzt alt zu werden. Das hatte ich zuvor niemals empfunden. Und die Gedanken an den Tod schlichen sich immer weiter in mein
Bewusstsein. Wie viele Winter habe ich noch? Und vor allem, wie viele schöne Sommer? Zehn oder fünfzehn. Und wenn man zurückblickt, dann sind fünfzehn Jahre nichts. Und dann ist man weg. Für
immer. Schon als Kind habe ich versucht, mir das vorzustellen, wie das ist, wenn man nicht mehr da ist. Kein schöner Gedanke. Aber die Welt dreht sich immer weiter. Wir irrlichtern durchs Leben
wie in einem surrealen Film. Wir spielen übernehmen eine Rolle. Ob im Drama als tragische Figur, als Superheld, dem nichts zu schwer ist oder als Romantikerin im Glück. Egal, was im Leben auch
passiert, das Drehbuch schreiben wir selbst.
Jetzt bin ich also 63. Bei jeder Bewegung plagen mich Gelenkschmerzen wegen der Arthrose. Vermutlich ist die auch eine Folge der Skoliose, durch die ich viele Jahre Fehlhaltungen eingenommen habe
inklusive Beckenschiefstand. Ich reiße einfach keine Bäume mehr aus, so viel ist klar. Wenn ich etwas im Garten mache, dann höchstens für eine Stunde. Und währenddessen muss ich mich immer wieder
hinsetzen und entspannen. Ich habe Glück, dass ich das kann. Als Autorin bin ich immer Zuhause und kann machen, was ich will. Ich bin mir dessen bewusst, und weiß es zu schätzen. Nur eines weiß
ich nicht. Wie wird man eigentlich alt. Wie benimmt man sich da. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass meine Oma früher mit 63 einen Post auf Facebook gemacht hätte. Sie war in dem
Alter wirklich schon alt. Und das war normal. Doch heutzutage gewinne ich immer mehr den Eindruck, dass Alt werden nicht mehr so In ist. Frauen, die siebzig und älter sind, tanzen wild in der
Gegend herum und werden dafür beklatscht. Aber welchen Preis zahlen sie dafür, dieses Bild der ewigen Jugend täglich wieder neu zu reproduzieren. Ist es das wert. Gerade in der letzten Phase des
Lebens. Sollte man da nicht viel mehr genießen.
Ich habe beschlossen, genau das zu tun. Lasse mich mehr in den Tag hinein treiben, ohne das Gefühl zu haben, doch eigentlich etwas Wichtigeres erledigen zu müssen. Und natürlich schreibe ich
weiter Krimis, nur eben nicht mehr so viele. Stattdessen entdecke ich Neues und nehme mir Zeit dafür. So zum Beispiel für meinen Goldschmiedekurs. Und ich schlafe mehr, auch tagsüber. Und dann
sind da ja noch meine Hunde und Katzen, um die ich mich kümmere. So ist das vielleicht, wenn man alt wird. Man lebt reduzierter. Aber vielleicht doch etwas intensiver, weil man an einen Punkt
gekommen ist, wo die Endlichkeit nicht mehr Lichtjahre entfernt ist. Alt werden ist kein Vergnügen, aber es ist ein Geschenk.
In dem Sinne, ich danke euch dafür, dass ihr diese Zeilen gelesen habt und dafür, dass ihr meine Krimis liebt.
Eure Moa Graven aus dem Krimihaus
